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Die Frau im öffentlichen Raum: zwischen Risiko und Freiheit

Von: Gerlinde am 07. November 2009

Kategorie: Meinung Archiv

Erst vor wenigen Tagen war im 'Hindu' zu lesen, dass allgemein und vor allem in Vorbereitung auf die Commonwealth Games die Hauptstadt für Frauen sicherer gemacht werden soll. Ein Konzept wurde vorgestellt, dass bereits in anderen potentiell gefährlichen Weltstädten angewandt wird: stärkere Kameraüberwachung, Notfall-Rufnummern und in Zügen und U-bahnen separate Frauenabteile. Eine sinnvolle Maßnahme, denkt man zunächst, liest man doch täglich in derselben Zeitung, dass in Indien die Frau im öffentlichen Raum regelmäßig Belästigungen von Männern ausgesetzt ist, die die breite Palette von Blicken, Beleidigungen, unangemessene Berührungen bis hin zu Gewalt und Vergewaltigung abdecken. Auch im Gespräch mit Kolleginnen, Freundinnen und Bekannten werden immer wieder solche Vorfälle und das allgemeine Gefühl der Unsicherheit diskutiert. Als Frau, so bekommt man hier suggeriert, bleibt man besser nachts zu Hause, nimmt eher die Riksha als den Bus, kleidet sich nicht zu aufreizend und ist generell am besten nicht alleine unterwegs. Die Logik ist simpel: will Frau nicht im öffentlichen Raum belästigt werden, hält sie sich von diesem fern oder macht sich unauffällig. Ohne es genau benennen zu können, gefiel mir etwas nicht an dieser Logik und an den Maßnahmen zur Sicherheit der Frauen.

In ihrem Artikel 'If Women Could Risk Pleasure: Reinterpreting Violence in Public Space' (vorrauss. 2010) äußert Shilpa Phadke ein ähnliches Unbehagen in diesem Zusammenhang. Um ihren Standpunkt deutlich zu machen, zitiert sie einen Dialog aus 'Sultana´s Dream' von Rokeya Sakhawat Hossain (erstmals veröffentlicht 1905). Sultana träumt von einer Stadt, in der, da sie für Frauen eine Gefahr darstellen, die Männer eingesperrt werden:

... it is not safe so long as there are men about the streets, nor is it so when a wild animal enters a market-place. … In your country... men, who do or at least are capable of doing no end of mischief, are let loose and the innocent women shut up in the zenana! How can you trust those untrained men out of doors?

Das eine Problem ist natürlich die (potentielle) Gefahr, das andere jedoch, wie mit dieser umgegangen wird. Gewalt an Frauen, so argumentiert Phadke, wird in den Medien generell als gender-spezifisch dargestellt, auch wenn das Geschlecht des Opfers Zufall ist. Obwohl rein statistisch Männer häufiger Opfer von in der Öffentlichkeit stattgefundenen Gewaltverbrechen sind, wird eine besondere Angst um die Frauen geschürt, die dazu führt, dass diesen noch weniger Freiheiten zugestanden werden. Im Gegensatz zu Männern haben sie nicht die Möglichkeit, das Risiko selbst einschätzen zu lernen, sich dafür oder dagegen zu entscheiden. Es geht Phadke nicht darum, die Gefahr von Verbrechen zu negieren, sondern darum, die Eindimensionalität, mit der Verbrechen an Frauen betrachtet werden, zu hinterfragen.

Ein weiteres Problem ist, dass mit dieser Darstellung der öffentliche Raum als generell gefährlich dem häuslichen Bereich als grundsätzlich geschützt gegenübergestellt wird. Damit wird nicht nur ignoriert, dass über 40% der indischen Frauen häusliche Gewalt erfahren, ihnen wird gleichzeitig auch der öffentliche Raum als Alternative genommen.

Ich lehne die oben genannten Maßnahmen zur Sicherheit der Frau nicht grundsätzlich ab. Notfalltelefone können durchaus sinnvoll sein und ich nehme an, dass viele Frauen aufgrund schlechter Erfahrungen gerne das separate Frauenabteil benutzen. Aber es ist offensichtlich, dass dies nicht mehr als eine Minderung der Symptome sein kann, die langfristig das Problem eher verschärft. Um einen respektvolleren Umgang der Männer zu erreichen, muss die Frau ihre Gesellschaft kommen, statt von dieser getrennt zu werden.

Zuletzt geändert am 08.11.2009 16:04:21 von kathleen

Unter den folgenden Schlagworten finden Sie weitere Informationen zu diesem Thema:
Frauen Gewalt Indien .

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